Archiv für März 2009

Antifa Abendspaziergang Vol. 2

„Wir werden keinen Schritt mehr weichen, keinen Meter, kein Stück.“

Am frühen Freitagabend fand der zweite antifaschistische Spaziergang durch die Pontstraße in Aachen statt. Im Gegensatz zum ersten, vor einigen Wochen, trauten sich keine Neonazis in die von ihnen sonst viel frequentierte Kneipenmeile. In dieser verteilten ca. 70 Antifas Freitag Flyer, mit denen auf die Nazipräsenz in Aachen hingewiesen wurde sowie Mobilisierungsmaterial für die Gegenaktivitäten in Stolberg am kommenden Samstag. Dort findet am 4.4. ein bundesweiter Naziaufmarsch statt.
Am Tag des Spazierganges jährte sich zudem ein Angriff von etwa 40 bewaffneten und vermummten Neonazis auf eine antifaschistische Demonstration in Aachen (siehe http://de.indymedia.org/2008/03/211714.shtml). Für viele war dieser Übergriff überraschend, so galt Aachen nie als Neonazi-Hochburg. Im Sommer, während der EM traten seit Jahrzehnten erstmals öffentlich in der Pontstraße organisierte Nazis mit Reichskriegsflaggen auf. Seitdem hat sich viel in Aachen getan. Nahezu jedes Wochenende treffen sich inzwischen Faschisten und Faschistinnen der „Kameradschaft Aachener Land“, der NPD und der „AG Rheinland“ in einzelnen Kneipen der Pontstraße, vornehmlich in der „Vielharmonie“.

Von diesen abendlichen Treffen gehen etliche Angriffe aus auf politische GegnerInnen, auf AntifaschistInnen, auf MigrantInnen oder auch mal auf „ganz normale Studies“, die aus irgendwelchen Gründen nicht ins neonazistische Weltbild passen.

Aber auch auf antifaschistischer Seite hat sich einiges verändert. So dürfte den Aachener Neonazis inzwischen deutlich geworden sein, dass sie nicht ohne Gegenwehr agieren können. Etliche Kneipen unterstützten antifaschistisches Engagement, stellten ihre Räumlichkeiten für Veranstaltungen gegen Rechts zur Verfügung, beteiligten sich an Kampagnen gegen Neofaschismus und erteilten (erkennbaren) Neonazis Hausverbot. Es sind längst nicht mehr allein organisierte Antifas, die sich den Nazis in den Weg stellen. Und das ist gut so, denn nur zusammen können wir Aachen (wieder) zu einer Stadt machen, in der Neonazis nicht öffentlich und erkennbar auftreten können.

Nicht zuletzt hängen die Entwicklungen in Aachen eng mit denen im Umland zusammen. Besonders die Ereignisse in Stolberg wirkten sich stärkend für die Aachener Neonaziszene aus. Nachdem dort am 4.4.2008 ein junger Mann in einer Auseinandersetzung zu Tode kam und die örtliche Neonaziszene diesen Tod für sich zu vereinnahmen suchte, fanden in Stolberg letztes Jahr gleich drei Manifestationen der extremen Rechten statt, zwei davon mit bundesweiter und europäischer Beteiligung. Noch vor Hamburg am 1. Mai 2008 traten einige Wochen zuvor „Autonome Nationalisten“ in dem rheinländischen Dorf als „Schwarzer Block“ auf. 600 von ihnen. Auch dieses Jahr wollen Neonazis am 4.4. dort aufmarschieren und haben zudem am 3.4. einen Fackelmarsch angekündigt. Aufmärsche sind bis 2018 angemeldet.

In Aachen entwickelte sich zur gleichen Zeit eine lokale Neonaziszene, die durch die Großaufmärsche massiv gestärkt wurde. Die Neonazis in der Region Aachen organisieren sich hauptsächlich in der „AG-Rheinland“, der NPD, der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) bzw. ihren verschiedenen Untergruppen, sowie in dem regionalen Zusammenschluss „Volkssturm Rheinland“. Die sich entwickelnde junge Szene der Aachener „Autonomen Nationalisten“ ist inzwischen fast vollständig in der KAL aufgegangen, die beste Kontakte zur Dürener NPD pflegt.

Die Aktivitäten, Organisierungsversuche und Übergriffe, die von diesen jungen Neonazis ausgehen, wurden lange von offizieller Seite und einem Großteil der Bevölkerung ignoriert. Langsam scheint jedoch eine gewisse Sensibilisierung einzusetzen.

Antifa-Cafe am 2.4.

Das nächste Antifa-Cafe findet am Donnerstag dem 2.4. wie immer ab 20.00 Uhr im AZ statt.
Es erwartet euch ein großes Programm: Es gibt die letzten Infos zum Naziaufmarsch in Stolberg am 4.4.
Außerdem Infos vom EA, und einen Sanikurs von den Autonomen Demosanis Aachen.

Stolberg-Stand der Dinge

Aktuelles zur Nazigroßdemo in Stolberg am 4.4., und zum Fackelmarsch am Abend des 3.4 in Stolberg

Seit mehreren Monaten mobilisieren Neonazis der NPD und „freien Kräfte“ am 4.4.09 zu einem „bundesweiten Trauermarsch“ nach Stolberg/Rheinland. Inzwischen gibt es insgesamt drei Mobilisierungsseiten der extremen Rechten. Eine wird von der NPD, eine vom „Nationalen Infotelefon Rheinland“ und eine von Personen aus dem Umfeld der „AG-Rheinland“ betreut.
Da ihnen ein Aufmarsch nicht zu genügen scheint, haben sie zudem am 3.4. 09 von 19:00h bis 22:00h einen Fackelmarsch durch Stolberg angemeldet, welcher zu dem Ort führen soll, wo sich vergangenes Jahr eine tödliche Auseinandersetzung ereignete, bei der ein junger Mann ums Leben kam, der von der Naziszene zum Märtyrer stilisiert wurde. Alle Hintergrundinformationen zu diesem Ereignis findet ihr auf der Antifa-Mobiseite http://no-nazis.net/.
Nach Meinung der Nazis soll mit diesem Fackelmarsch dem “getöteten Kameraden“ gedacht werden, doch bei den meisten Menschen dürfte die Kombination von Nazis und Fackeln andere Assoziationen wecken. Dass dieser Fackelmarsch genehmigt wurde, werten wir als Provokation. Vorheriges Jahr skandierten Neonazis auf ihren Aufmärschen in Stolberg:
„Kein Vergeben, kein Vergessen, Türken haben Namen und Adressen“.
Für den Fackelmarsch wurden 50 TeilnehmerInnen angekündigt.

Das „Stolberger Bündnis gegen Radikalismus“, hauptsächlich bestehend aus Parteien und Institutionen, welches für den Großaufmarsch am 4.4. zahlreiche (nicht-intervenierende) Aktivitäten plant, hat für Freitag die ‚altbewährte’ Strategie der „aktiven Ignoranz„ ausgerufen. Die BürgerInnen sollen in ihren Häusern bleiben, um so den Neonazis zu zeigen, dass sie nicht erwünscht seien. Wir halten diese Herangehensweise für ebenso falsch wie fatal. (Neo)faschistische Ideologie verschwand noch nie durch Ignoranz und wird dies wohl auch in Zukunft nicht tun. Weitaus größer als der Fackelmarsch wird allerdings der Aufmarsch am folgenden Tag. Mehrere hundert Neonazis aus ganz Deutschland und Teilen des europäischen Auslands werden erwartet. Losgehen soll es um 12:00h. Geplant ist als Ausgangspunkt der Stolberger Hbf, von dem aus die Neonazis zum Tatort marschieren wollen. Die Route soll von der Münsterbachstraße über die Eschweilerstraße bis zum Tatort in der Birkengangstraße Ecke Rhein-Nassau-Weg führen. Auf dem Rückweg wird die Eisenbahnstraße bis zum Hbf eingeschlagen.
Diese Route führt nicht durch das migrantische Viertel „Mühle“, das von den Neonazis präferiert wurde.

Zu den Gegenaktivitäten:
Im Gegensatz zum letzten Jahr gibt es dieses Jahr eine Fülle von Gegenaktivitäten von bürgerlicher Seite aus. Maßgeblich daran beteiligt ist das Bündnis mit dem zweifelhaften Namen“Stolberger Bündnis gegen Radikalismus“, welches unter anderem ein „Fest der Kulturen“, eine Demonstration und einen “Volkslauf gegen Rechts“ veranstaltet. Eine Zusammenfassung der bürgerlichen Veranstaltung findet sich unter http://www.stolberg.de/Buendnis/Programm.pdf. Alle Aktivitäten des Bündnisses enden am Mühlener Markt.

Für die Menschen, die keine Lust auf Würstchenstand und BürgerInnen gegen Radikalismus haben, wird es auch von antifaschistischer Seite mehrere Aktionen geben. Geplant ist eine antifaschistische Kundgebung mit anschließender Demo, welche um 9.30h am Mühlener Markt (Nähe Mühlener Bahnhof) stattfinden soll. Kundgebung und Demonstration sind inzwischen von der Aachener Polizei verboten worden, anscheinend will man dort keinen intervenierenden Widerstand gegen den Naziaufmarsch zulassen. Der Ort der Kundgebung – so die Begründung, sei bereits durch das Bündnis besetzt, ebenso wie alle anderen Plätze in Stolberg. AntifaschistInnen rechnen damit, dass das Mühlener Viertel und die von dort aus südlich gelegene Altstadt zugänglich sein werden, der nördliche Teil der Stadt aber, in dem die Neonazis marschieren werden, durch eine Nord-Süd Sperrung für AntifaschistInnen nicht frei begehbar ist.
Um auf dem neuesten Stand zu sein, empfehlen wir euch auf aktuelle Ankündigungen auf indymedia und http://www.no-nazis.net/ zu achten.

Auch am 3.04. wird es Aktionen von AntifaschistInnen geben. Da die Naziroute für diesen Abend noch nicht feststeht, wird erst in einigen Tagen ein Treffpunkt für Gegenaktivitäten veröffentlicht. Achtet auf Ankündigungen!

Dokumentation: Antifaschistischer Abendspaziergang am 27.3.

Dokumentation:

„“Laut Antifaschist/innen aus Aachen soll am 27.3. um 19.00 Uhr ein zweites Mal ein Antifaabendspaziergang stattfinden. Damit soll einerseits auf die bevorstehenden Naziaufmärsche in Stolberg und andererseits auf die ständige Präsenz von Faschist/innen in der Aachener Innenstadt hingewiesen werden. Seit längerer Zeit machen sich vor allem im Kneipenviertel der Pontstr verstärkt Neonazis breit, es kam öfter zu Übergriffen auf Menschen die nicht in ihr Weltbild passen.

Ein solcher Abendspaziergang fand zuletzt vor ein paar Monaten erfolgreich statt. ( siehe Link )
Losgehen solls um 19.00 Uhr am Aachener Markt.“" Wir freuen uns sehr auf ihr vorbeikommt

Quelle: Antifaschist/innen aus der Region

Bei Indymedia gibts noch einen Bericht zum letzten Antifaabendspaziergang

http://de.indymedia.org/2008/10/230607.shtml

» Destroy the Myth of Stolberg

Wenn Nazis das Patriarchat entdecken

In Randerath, einem kleinen Dorf bei Heinsberg zwischen Mönchengladbach und Aachen spielen sich derzeit beunruhigende Szenen ab. Unlängst – nachdem ein Vergewaltiger aus der Haft entlassen wurde – entlud sich der Unmut der örtlichen Bevölkerung gegen ebendiesen Mann. Männer wie Frauen zogen – teils mit Fackeln – vor das Haus, in dem der Mann momentan lebt und forderten… ja, was eigentlich? Ein Ende sexualisierter Gewalt? Ein Ende der Objektivierungen von Frauen und Kindern? Ein Ende des (Hetero)Sexismus? Ein Ende patriarchaler Normierung? Ein Ende von Grenzüberschreitungen und Vergewaltigungen – meist in „ganz normalen Familien“ ausgehend von meist „ganz normalen Familienvätern“? Nein. All das forderte die Bevölkerung von Randerath nicht, sondern ganz normale Familienväter setzten auf Selbst- und Lynchjustiz. Nun wollen auch Neonazis dort marschieren.
Das hier ist weder ein Appell an den Rechtsstaat (der noch nie Probleme an ihren Ursachen versuchte zu lösen), noch ist dies eine Rechtfertigung für sexualisierte Gewalt. Dafür gibt es keine Rechtfertigung. Auch nicht den Minirock, mit dem man Frauen so oft für selbst schuldig erklärt.

Wer aber „sensationellen Fällen“ aufsitzt, sich von einem christdemokratischen Landrat aufhetzen lässt (dieser „warnte“ die Bevölkerung), wer den Volksmob und die Pogromstimmung befürwortet oder sich gar daran beteiligt, wer nicht das Fahrwasser angreift, in dem diese sensationellen Eisberge schwimmen, der projiziert ein strukturelles Problem auf das vereinzelt Böse, das wenn es beseitigt ist, die Lösung verspricht. Eine fatale und falsche Annahme. Sexualisierte Gewalt wird aber auch in Randerath individualisiert und damit entpolitisiert (hunderttausende von „Einzelfällen“ jedes Jahr).
Wer so handelt, meint es nicht ernst mit dem Kampf gegen sexualisierte Gewalt.

Jede dritte Frau wird in ihrem Leben (ob als Kind oder später) einmal vergewaltigt, geschlagen oder auf andere Weise zur Betroffenen sexualisierter Gewalt. Häusliche Gewalt ist die Hauptursache für den Tod oder die Gesundheitsschädigung bei Frauen zwischen 16 und 44 Jahren. Täter sind selten Fremde. Sexualisierte Gewalt geschieht in den meisten Fällen in der Familie, in „ganz normalen Familien“ – um nur einige Eisberge patriarchaler Zustände zu nennen.

Patriarchat meint einen systemischen Charakter der weltweiten Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen und Mädchen. Das heißt nicht, dass Männer im Patriarchat Täter und Frauen Opfer sind. Diese Unterdrückungsmechanismen werden von allen (re-)produziert. Gestützt wird diese Geschlechterordnung durch die Anwendung psychischer, körperlicher, seelischer, sexualisierter, politischer und struktureller Gewalt gegen Frauen und Mädchen.
Sie beruht auf Konstruktion von Geschlecht, auf Biologisierung und Hierarchisierung nach Geschlecht.

Patriarchale, heterosexistische Normierung kreiert Geschlechterbilder, kreiert stereotype Bilder von ,Männlichkeit‘ und ,Weiblichkeit‘. Frauen sollen als passiv, sozial, rücksichtsvoll, fürsorglich, duldsam und emotional gelten. Bei Männern dominieren Bilder des heroischen, durchsetzungskräftigen, harten, aktiven, (einzel)kämpferischen sowie Prinzipien der Starre, des Linearen und des Ordnenden.

Nicht zuletzt hier kommen die FaschistInnen ins Spiel. Die wollen nämlich in Randerath kräftig mitspielen und haben in diesem Sinne für den 21.3.2009 eine Demonstration angemeldet.
Ihr Motto: „Todesstrafe für Kinderschänder“. Sie versuchen diesen „Fall“ für ihre Zwecke zu nutzen, der aufgebrachten Bevölkerung faschistische wie „einfache“ Konsequenzen zu präsentieren. Die FaschistInnen setzen wie so oft auf Vernichtung. Ist „das Böse“, auf das man zuvor das Übel der Welt projizierte erst einmal beseitigt, ist das Problem aus der Welt. Dass hinter solchen Taten strukturelle Gegebenheiten liegen, dass diese Art der Gewalt erst aufhören kann, wenn (hetero)sexistische und patriarchale Strukturen aufgebrochen und beseitigt sind, negieren die Neonazis (und nicht nur diese) mit diesen Personalisierungen.

Radikal sein heißt, Probleme an ihren Wurzeln zu bekämpfen. Der Nazismus war in diesem Sinne nie radikal. Gerade in diesem Themenbereich würde es auch tatsächlich weltanschaulich, ideologisch schwierig. Denn patriarchale Gesellschaftsordnung und faschistische Strukturen hängen eng zusammen. Nicht nur, dass der Faschismus patriarchale Muster begünstigte (ohne damit sagen zu wollen im NS habe es keine Täterinnen gegeben), die Gesellschaftsordnung, für die Neonazis stehen, beinhaltet als fundamentale Einheit ebendiese Strukturen. So stehen Neonazis für den patriarchalen Männerbund, erklären sich zu heroischen Kämpfern, die den Kampf selbst zum Ziel haben, propagieren Ehre, Mut, Ruhm, Kraft, Opferbereitschaft, Wehrhaftigkeit und Kameradschaft. Sie kreieren im soldatischen Denken das männliche Idealbild des Kriegers.

Egal wo,
»der Krieger vergewaltigt Frauen. Er fühlt es in seinem Kopf, in seinem Gewehr und in seinem Sexualorgan: die Zivilisation ermutigt ihn, genau das zu tun. … Es geht weniger um die ‘Wiederherstellung’ des Kriegers, denn um die Selbstvergewisserung der eigenen Macht, und die Befriedigung des Gefühls, zu den wahren Männern zu gehören.«
meinte einst die Belgrader Feministin Lepa Mladjenovic.

Diese konstruierte Männlichkeit kommt nicht ohne Weiblichkeit(en) als das untergeordnete Gegenstück aus. Der Frau kommt hier die Rolle derer zu, die für den Erhalt und die Reproduktion des „Volkskörpers“ zuständig ist. Der Mann verfügt in diesem Sinne über die weibliche Sexualität.

Mit einer Propaganda der Maskulinität des Faschismus, einem faschistische Ideal der Männlichkeit, das grundlegend ist für das faschistische Paradigma von Gesellschaft und Staat wollen also Neonazis in Randerath gegen Vergewaltigung aufmarschieren. Neonazis, die ein System herbeisehnen, das Millionen von Kindern in Konzentrationslagern vergasen ließ.
Das ist tatsächlich an Absurdität kaum zu übertreffen.

Wer den Kampf gegen sexualisierte Gewalt – gegen wen auch immer – aufnehmen will, wer diesen ernst meint, kann nicht das Patriarchat als die älteste Herrschaftsform des Menschen über den Menschen vergessen, kann nicht den Zusammenhang von Patriarchat, Rassismus, Gewalt, Homophobie und Faschismus beiseite schieben, kann nicht auf diese Formen der Männlichkeit zurückgreifen.

„Wenn das Leitbild der Männlichkeit den Militarismus unterstützt, was kann dann den Frieden fördern? Weiblichkeit? Nein, denn auch dieses Leitbild wurde vom Patriarchat geschaffen. (…) Wir sollten unserer Kreativität erlauben, Definitionen hinter uns zu lassen, die das Patriarchat uns gegeben hat.“

Antifa-Cafe am 19.3.

Am 19.3. findet das nächste Antifa-Cafe statt, diesmal mit Stencil-Workshop und einem Vortrag zur Bedeutung von DIY

Außerdem gibt es wunderbar leckeres veganes Essen von Food not Bombs Aachen

Wie immer ab 20.00 Uhr im AZ-Aachen

wir freuen uns wenn ihr kommt

[Stolberg] Nazis erwarten 1000 TeilnehmerInnen

Aktuelle Infos zu Stolberg finden sich unter www.no-nazis.net

Neonazis, NPDler_innen und Freie Kameradschaften haben ihre Mobilisierung zum bundesweiten Neonaziaufmarsch am 4.4.2009 nach Stolberg begonnen. Neben örtlicher NPD, der NPD-nahen Kameradschaft Aachener Land mobilisiert das NIT-Rheinland mit. Es stellte unlängst eine Mobilisierungshomepage online. Auch kündigten sich bereits Faschist_innen aus dem europäischen Ausland an.
Beweggrund der NS-Szene ist eine tödliche Auseinandersetzung, die 2008 stattfand. Im rheinländischen Stolberg bei Aachen kam es am Abend des 4. April zu einem Streit zwischen zwei Gruppen. Kevin P., der mit mindestens einem Neonazis unterwegs war, wurde im Zuge dieser Streitigkeiten erstochen. Dieses Ereignis wird und wurde von Neonazis zum Anlass genommen ein bundes- wenn nicht europaweites Großereignis der extremen Rechten zu etablieren.

Bereits Stunden nach der Tötung am 4.4.2008 diskutierten Neonazis in ihren Foren das Ereignis. Schnell stand fest, dass weit über die Region hinaus die extreme Rechte den Tod des Jungen für sich zu vereinnahmen suchte. Genauso wie Kevin P. zu einem Märtyrer und Neonazi stilisiert wurde, konstruierte die NS-Szene den für die Tat verhafteten Staatenlosen als „Ausländer“.

Infolge dieses Ereignisses fanden im April 2008 in rascher Folge zwei Aufmärsche der extremen Rechten im nordrheinwestfälischen Stolberg bei Aachen statt. Am 12.4.2008 beteiligten sich spektrums- und länderübergreifend 800 Neonazis an einem von Christian Worch mitorganisierten Aufmarsch. Parallel dazu fanden in mehreren Städten spontane Manifestationen der extremen Rechten statt. Auch während des Stolberger Aufmarsches, aber auch am Tag nach dem tödlichen Konflikt, wurden massive Drohungen gegen Migrant_innen laut. Zwei Wochen später marschierten erneut 450 Neonazis auf – diesmal aus dem NPD-Spektrum.

An beiden Demonstrationen beteiligten sich neben der gesammelten deutschen ‚Naziprominenz’ Neofaschist_innen aus dem europäischen Ausland. Nach den Aufmärschen tönte Worch: „Die letzten drei Wochen waren geprägt von Aktionen oder parlamentarischen Engagement wie es die Region in dieser Art und Weise von nationaler Seite noch nicht erlebt haben dürfte – dies sollte aber erst der Anfang sein!“ und kündigte an: „Wir werden jedes Jahr für Kevin auf die Straße gehen!“. Inzwischen hat die örtliche NPD unter Ingo Haller bis 2018 jährliche Demonstrationen angemeldet.

Stolberg ist ein Ort, der für Szenekenner_innen kein unbeschriebenes Blatt sein dürfte. Rund 25 Jahre – bis 1991- befand sich in Stolberg der Sitz der inzwischen verbotenen neonazistischen Wiking-Jugend. Wolfgang Nahrath und später sein Sohn Wolfram betrieben von ihrem Privathaus in Stolberg-Büsbach aus die Bundeszentrale dieser Organisation. Zudem hat die NPD in Stolberg gleich zwei Ratsmandate inne, die DVU ein weiteres. Die passende Stadt zum Ereignis – so scheint es.

Auch in der Folgezeit verschwand Stolberg nicht aus den Debatten der NS-Szene. Ob in Presseorganen der Parteigebundenen oder „Freien“, ein Großteil der extremen Rechten strickte fleißig und ausdauernd an der Mythenbildung. „Der Mord von Stolberg“ wurde nicht nur in der NPD Zeitung „Deutschen Stimme“ zum Slogan für die Ereignisse.
Zum Urteil im Prozess um die tödliche Auseinandersetzung entstand eine erneute Diskussion. Nazis debattierten das Gerichtsurteil vom Oktober 2008, das 6 Jahre Haft für den Beschuldigten vorsah. Zuvor kündigte Christian Worch an, in dem Falle eines „zu milden“ Urteils, werde er in Aachen vor dem Amtsgericht aufmarschieren lassen. Anscheinend im Gegensatz zu Worch fanden die User_innen von Altermedia das Urteil tatsächlich zu milde und diskutieren frei heraus Todesstrafe und Selbstjustiz.

Die Debatten, ob der Getötete nun einer der Ihren war, ein „Nationalist“ oder eben ‚nur’ ein „junger Deutscher“, zogen sich durch das gesamte Jahr. In jedem Fall, so die NS-Szene sei aber deutlich, dass die Ereignisse in Stolberg ein prima Beweis für „Ausländerkriminalität“ seien, ein Beweis, der das Selbstbild der extremen Rechten als Opfer bestärken soll.

Bei einem weiteren Großereignis der (nord)europäischen Rechten, beim Salemmarsch 2008 rief der Neonazi Patrick Müller die Tötung des jungen Mannes in Stolberg in Erinnerung.
In Salem, einem Vorort Stockholms, wurde im Jahr 2000 ein junger Neonazi in einer Auseinandersetzung mit Migrant_innen umgebracht. Auch dort wurde der Tote umgehend zum Märtyrer stilisiert. Seitdem findet in Salem jedes Jahr einer der größten NS-Aufmärsche Nordeuropas statt. An diese ‚Tradition’ schien man in Sachen Stolberg anknüpfen zu wollen. Einer der prominentesten deutschen Teilnehmer des Aufmarsches im schwedischen Salem ist Christian Worch, der offensichtlich ein Faible für Märtyrer hat. Er fragte – nicht als einziger – bereits am 27.4.2008 im Bezug auf Stolberg rhetorisch: „Wird Stolberg das ‚deutsche Salem’?“
In der Rede Müllers in Salem 2008 wurden beide Ereignisse, Salem wie Stolberg in Bezug zueinander gesetzt und für rassistische Implikationen genutzt. Phantasiert wird von einer permanenten Gewalt ausgehend von Migrant_innen gegen „Nationalisten“. Explizit geht Müller auf Stolberg ein, schreibt dem getöteten Kevin P. zu, er habe sterben müssen „weil er sich zu Deutschland und seinem Volk bekannte“.

Es geht der extremen Rechten bei Veranstaltungen wie in Salem und Stolberg um den Beweis und die Bestärkung der Disziplin, um die Einschüchterung vermeintlicher Gegner_innen und um die Erinnerung an die Pflicht gegenüber der Kameradschaft. Zudem soll der Opferkult der extremen Rechten durch alljährliche Rituale zum Gedenken der Märtyrer aufrechterhalten werden.

Die Neonazi-Szene versucht in Stolberg ein symbolisches Datum, ein Großereignis zu etablieren, mit dem bundesweit ein Aufmarschanlass geschaffen und zudem eine teils taktisch zerstrittene Szene geeint werden soll. Und so setzt sich in Neonazikreisen eine Konstruktion der Ereignisse durch, die auf Opfermythos, Märtyrerkult und rassistische Implikationen setzt. Es wird ein Bild gezeichnet, nachdem die Tat nur ein weiteres Beispiel für eine ständige Verfolgung „der Deutschen“, der Nationalist_innen durch Migrant_innen, durch Linke und durch eine breite Öffentlichkeit sei, gegen die sie sich gemeinsam, entschlossen und gewaltsam zur Wehr setzten müssten.

Dass diese Ereignisse so viel Aufmerksamkeit in der Neonazi-Szene erreichen konnten, hat nicht zuletzt mit der Funktion des Märtyrergedankens zu tun. Funktion des ritualisierten Gedenkens ist die Schaffung eines gemeinsamen Selbstbildes, eines kollektiven „Wir“ der Teilnehmer_innen. Durch Erinnerungskult kann so eine idealisierte Form des Handelns transportiert werden: Belebt wird das männliche Bild des Kämpfers, des Standhaften, des Opferbereiten, des Unbeugbaren. Der Märtyrer-Mythos verlangt nach einer Stilisierung des geopferten „Helden“.

Der historische Opferdiskurs der extremen Rechten wird immer wieder angestrengt. Sei es in Dresden oder Wunsiedel, wo sich Rechte als Opfer der Alliierten generieren, sei es in dem Themenfeld der Meinungsfreiheit, in dem sich ausgerechnet Neonazis als Träger_innen eingeschränkter Rechte und Betroffene staatlicher Repression wahrnehmen oder sei es im Bereich Migrationspolitik, in dem ‚Deutsche’ der extremen Rechten als Opfer demographischer Entwicklungen oder durch überall als präsent imaginierte Gewalt gelten. ‚Opfer-sein’ ist bei extrem Rechten nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil aus einer unterdrückten Position heraus der verzweifelt heroische Kampf mit allen Mitteln gegen die vermeintlichen Unterdrücker legitimiert werden kann.
Die Mythologisierung der Ereignisse in Stolberg bietet einen Anschlusspunkt für rassistische Opferdiskurse und bedient so eines der wichtigsten Kampffelder der Rechten. Es geht bei der Konstruktion eines Märtyrers eben nicht um die konkrete Person, sondern um die Funktion, die ihr Tod einnehmen kann.

Das diesjährige Motto „Sicher leben – ohne Multikulti“ bringt die rassistische Instrumentalisierung der Tötung auf den Punkt. Als Gedenkmarsch deklariert, werden hunderte Neonazis, „freie und parteigebundene Kräfte“ geeint, durch das migrantische Viertel marschieren, um dort ihre rassistischen Phantasien denen entgegenzuschleudern, die ihre menschenverachtende Gewalt fokussiert. Allerdings steht bislang die Route der Neonazis nicht fest. Taktische Vorschläge – anknüpfend an die Ereignisse in Dresden 2009 – wurden aber bereits formuliert: „Wir sollten eine Taktik anwenden wie sie sich in Dresden bewährt hat. Die Gegendemo der Zecken muss mit entsprechenden Stosstrupps schnell und brutal zerschlagen werden. Am Besten in Seitengassen“.

Ein solches – bundesweit diskutiertes – Ereignis wie in Stolberg, wirkt auf die Szene zurück. So feierten die „Autonomen Nationalisten“ bundesweit den ersten Stolberger Aufmarsch als den ersten großen militant agierenden „Schwarzen Block“ – noch vor dem ersten Mai 2008 in Hamburg. „Freie Kameradschaften“ und NPD zeigten eine selten so offen zur Schau gestellte Einigkeit. Diese drückt sich auch darin aus, dass dieses Jahr – im Gegensatz zum letzten – ein gemeinsamer Aufmarsch-Termin angesetzt wurde.

Allerdings zeichnen sich bereits während der Mobilisierung zum kommenden Aufmarsch interne Differenzen ab. So polemisiert die „Kameradschaft Aachener Land“ auf Altermedia gegen sog. „Autonome Nationalisten“ und beklagt erneut, dass sich 2008 „gewisse Herrschaften einfach über die Abmachung hinweg setzten“. Angespielt wird hier auf handgreifliche Auseinandersetzungen während eines Stolberger Aufmarsches, auf dem der NPD Ordner_innendienst Schwarzgekleidete ausschloss. Ein_e andere_r User_in kündigt an, eine Teilnahme des örtlichen NPD Vorsitzende Willibert Kunkel, werde zu einem Boykott des Aufmarsches etlicher potentieller Teilnehmer_innen führen. Des Weiteren befürchten „freie Kräfte“, dass der Stolberger Aufmarsch zu einer NPD-„Wahlkampf-Demo“ wird. Mit dem „NPD-Ordnerdienst“ sei „Ärger jetzt schon vorprogrammiert“. Zündstoff bot wohl auch Ingo Hallers Ankündigung als Demonstrationsleiter, NPD Symbole seien durchaus vorgesehen. Den Forderungen der „Freien Kräfte“ erteilte er damit eine klare Absage. Eine Altermedia-Userin bringt die Konfliktlinien auf den Punkt und prophezeit: „Ich sehe vorraus: Es wird eine NPD Demo, Wahlkampfreden werden gehalten (inplizit) [sic], der NPD Ordnerdienst spielt sich auf und es gibt internen Streß, der Alkoholiker Kunkel hält eine Rede (was ebenfalls zu Streß mit den Freien führen wird)…“. Dabei ist Kunkel echt eine Reise wert…

… zurück zum Thema:
Antifaschist_innen planen unterdessen Gegenaktivitäten. Neben einem (sehr) bürgerlichen Bündnis werden sich die intervenierenden Widerstände auf das migrantische Viertel, durch das die Nazis marschieren wollen, konzentrieren. Bereits im letzten Jahr war dieses Viertel, das Mühlener Viertel, der Ort, an dem es die einzigen eingreifenden Proteste gab. Diesbezüglich ist eine Kundgebung der Gruppen AK Antifa Colone und AK Antifa Aachen ab 9:30 Uhr am Mühlener Markt angemeldet worden.

Nun könnten wir uns damit retten, zu sagen: Das ist doch nur ein kleines Dorf im Nirgendwo. Das Ereignis, was dort aber konstruiert wird, kann erstarkend auf die gesamte Neonaziszene wirken.
In einem Neonaziforum formulierte unlängst jemand, „Dresden, eine gemeinsame große Maidemo und diese Demo [also Stolberg] sollten als Großdemos jedes Jahr sich wiederholen, ihr werdet sehen das [sic] automatisch immer mehr Teilnehmer kommen werden“.

Eine sich einstellende Routine, ein Großereignis für die extreme Rechte, müssen wir, müssen Antifaschist_innen aufbrechen, bevor es sich etabliert, bevor es zu einem festen Datum in einem jeden Nazikalender wird, bevor der Mythos sich durchgesetzt hat.

für weitere Infos checkt www.no-nazis.net