Archiv für November 2008

Aachen: Weihnachtsnazis

Nachdem in Aachen jahrelang Nazis nicht öffentlich auftraten, versuchen nun wieder junge extreme Rechte in der Innenstadt Fuß zu fassen. Sie bekommen hierbei Unterstützung von Außerhalb: Reitz und Worch nehmen sich der lokalen Nazi-Szene an, die – neben öffentlichen Saufgelagen und gewalttätigen Übergriffen – nicht viel geregelt bekommt.

In der Region Aachen gibt es einer der aktivsten neonazistischen Szenen in NRW. Gerade um die Stadt Aachen herum gibt es einen „braunen Gürtel“, der auf eine lange Tradition verweisen kann. In diesem Jahr nahmen jedoch die Bemühungen zu, auch in Aachen Innenstadt Präsenz zu zeigen. Es entsteht der Eindruck, dass die Neonazis versuchen, die Region Aachen zu einem Schwerpunkt ihrer Aktivitäten im Rheinland zu machen. So marschierte zunächst im Februar diesen Jahres die NPD in Düren auf, im März wurde von ca. 40 Nazis versucht, eine antifaschistische Demonstration in der Aachener Innenstadt anzugreifen.
Im April wurde in Stolberg ein junger Mann erstochen von dem sich die extreme Rechte so sehr wünschte, er sei einer der ihren gewesen, dass sie infolge dessen in diesem Monat gleich zu drei Aufmärschen in Stolberg auflief.

Seither haben der Märtyrer-Fan Christian Worch sowie der bekennende Antisemit Axel Reitz und die bundesdeutsche NPD-Elite Blut geleckt: Die Existenz der Region Aachen-Düren scheint bei den rechten Kadern nicht nur angekommen sondern überdies auf Interesse gestoßen zu sein. Die Märtyrer-Geschichte um die Vorfälle in Stolberg birgt, wie sich nicht zuletzt an den andauernden Beiträgen auf dem wohl bekanntesten bundesdeutschen Neonaziforum zeigt, ein Potential für die extreme Rechte, welches sich die Kader nur ungern entgehen lassen wollen. So war der Aufmarsch am 12.04.2008 in Stolberg mit fast 800 „Autonomen Nationalisten“ wohl der bis dahin größte so genannten „NS Black Block“ überhaupt. Die NPD meldete vorsorglich schon mal bis ins Jahr 2018 für den 4. April weitere Demonstrationen in Stolberg an.

Durch diesen Mobilisierungserfolg gepusht, verstärkten sich auch die Aktivitäten lokaler Nazis in Aachen Stadt, welche sich neben der NPD überwiegend in der „AG Rheinland“ und in der „Kameradschaft Aachener Land“ organisieren.
Der Aktionismus der noch jungen Aachener Neonaziszene dürfte wohl dazu beigetragen haben, dass Axel Reitz sich in diesem Jahr Aachen aussuchte, um seine Demonstration „Gegen einseitige Vergangenheitsbewältigung. Gedenkt der deutschen Opfer“ zum Jahrestag der Reichspogromnacht durchzuführen. Und auch dieser Termin spornte die lokalen Kräfte an. So gab es allein in den letzten zwei Tagen vor dem Aufmarsch fünf Übergriffe auf (vermeintliche) politische Gegner_innen:
Donnerstag 06.11.2008: Am Aachener Hauptbahnhof greifen drei Neonazis unvermittelt eine Jugendliche an, verfolgen im Anschluss daran zwei Konzertbesucher des Autonomen Zentrums bis sie feststellen müssen, dass es keine gute Idee ist, direkt vors AZ zu laufen. Sie ergreifen die Flucht.
Freitag 07.11.2008: Drei Schüler_innen werden beim Verteilen von Flugblättern gegen den geplanten Naziaufmarsch um ca. 17 Uhr am Kugelbrunnen – Mitten in der Aachener Einkaufszone – von sechs „Autonomen Nationalisten“ angegriffen. Passanten greifen ein und wehren den Naziangriff gemeinsam ab. Abends feiern in der Pontstraße, der Aachener Kneipenmeile, an die 40 Nazis. Zwischen 23-24 Uhr kommt es dann zu einem Angriffsversuch durch 30 Neofaschist_innen auf fünf Antifaschist_innen in der Nähe des Hauptbahnhofes. Flaschen werden gegen einen Imbiss geworfen, in dem sich Antifaschist_innen aufhalten. Diese können jedoch entkommen. In derselben Nacht lauern gegen vier Uhr etwa zehn, mit Holzlatten und Flaschen bewaffnete „Autonome Nationalisten“ den letzten Konzertbesucher_innen auf. Es gibt eine kurze Auseinandersetzung, die Neonazis ergreifen die Flucht.

Am Samstag, den 08.11.2008, dürfen 108 Neonazis am Vortag des 70sten Jahrestages der Reichspogromnacht eine von Axel Reitz angemeldete Kundgebung am Aachener Hauptbahnhof abhalten. Der Gedenktag zum ‚Auftakt’ der Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums sollte umgedeutet werden „zum Schicksalstag der Deutschen“. Anwesend ist als Versammlungsleiter Christian Worch, außerdem der Vorsitzenden der NPD Düren Ingo Haller. Zudem der Anführer der Kameradschaft Aachener Land (KAL) und NPDler Rene Laube, der Düsseldorfer Sven Skoda, Claus Cremer für die nordrheinwestfälische NPD und der gerade erst aus der Haft entlassene Paul Breuer. Von den lokalen Neonazis sind erschienen: Frank Streithoff, Jugendbeauftragter der NPD Düren und Mitglied der KAL, Peter Salber, Mitglied der NPD und KAL. Andere lokale Faschos schaffen es erst gar nicht, sich bis zum Bahnhof ‚durchzuschlagen’. Die Polizei verwehrt denen, die es bis zum Bahnhof geschafft haben, zwar den Aufmarsch durch die Stadt, schützt aber ihre Kundgebung am Bahnhof. Für die lächerliche Teilnehmer_innenzahl und das lange Rumstehen entschädigen sich ca. 70 Neonazis, indem sie eine Spontandemonstration durch Düren machen, bei der sie sich nebenbei und trotz einer völlig überraschten Polizei (diese musste ja noch in Aachen Antifaschist_innen schikanieren) 37 Anzeigen wegen Volksverhetzung einfangen.
Eine Woche später am Freitag den 14.11.2008 treffen gegen 23Uhr drei Jugendliche in der Stadt auf eine Gruppe von sieben Neonazis (KAL und „ANs“). Drei Nazis lösen sich aus der Gruppe und laufen den Jugendlichen hinterher, bewerfen diese dann aus einem Abstand von fünf Metern unvermittelt mit vollen Bierflaschen. Es handelte sich jedoch um extrem miese Werfer. Nachdem ihre Munition daneben ging, ergreifen auch sie die Flucht.

Der Aktionismus und das öffentliche Auftreten der Nazis führen dazu, dass sich zunehmend Widerstand bei den Aachener_innen regt. Gerade das Problem feiernder Nazis in der Pontstraße scheint auch bei den Bürger_innen angekommen zu sein. So hat sich ein Bündnis „Pontstraße gegen Rechts“ gegründet, welches den Kabarettisten Serdar Somuncu einlud. Am 05.12 findet im Labyrinth, einer Kneipe, die ebenfalls auf der Pontstraße liegt, eine Veranstaltung zu „Autonomen Nationalisten“ statt – die an die Kampagne „Faschismus ist nicht trendy!“ anknüpft.

Vielleicht ist Reitz und Worch bewusst, dass die Aachener Nazis weder inhaltlich eigene Akzente setzen können, noch sonst irgendwie besonders viel auf dem Kasten hätten. Vielleicht haben sie Mitleid. Jedenfalls haben sie sich vorgenommen, nach Aachen zurückzukehren. Reitz meldete für den 24.12.2008 erneut einen Aufmarsch in Aachen an. Beginn soll zehn Uhr am Hauptbahnhof sein – den kennt Axel schließlich schon. Motto ist diesmal: „Da habt ihr die Bescherung! Meinungs- und Demonstrationsfreiheit ist kein Geschenk, sondern unser Recht!“. Wir werden mal schauen, welches passende Geschenk wir für ‚unsere’ Nazis finden.

Aachen: Nazi-Standkundgebung

Für den gestrigen Tag, nur einen Tag vor dem 70sten Jahrestag der Reichspogromnacht meldete Axel Reitz in Aachen einen Demonstrationszug durch die Aachener Innenstadt an. Motto der Demo war – ‚passend’ zum Datum – „Gegen einseitige Vergangenheitsbewältigung – Gedenkt der deutschen Opfer“.
Ein Passant fragte sarkastisch, welche Opfer denn gemeint seinen: „die Deutschen, die sich in der Reichspogromnacht besoffen an den Scherben verletzten oder wen meinen die?!?“. Nach juristischem Hickhack (Verbot durch die Cops/Aufhebung durch das Verwaltungsgericht Aachen/dann wieder Verbot durch Münster) entschied Freitagabend das Bundesverwaltungsgericht für die Nazis.

Nachdem schon Freitagnachmittag Antifaschist_innen in der Aachener Einkaufszone beim Verteilen von Flyern gegen den Naziaufmarsch durch lokale AN’s tätlich angegriffen wurden, kam es dann im Verlauf des Abends zu weiteren Übergriffen. In der Pontstraße, der Aachener Kneipenmeile, feierten an die 40 Nazis. Während eines Konzerts im Autonomen Zentrum wurden zunächst fünf Menschen von 20-30 Faschos, darunter NPD Funktionäre aus Düren, verfolgt. Später dann lauerte eine weitere mit Holzlatten bewaffnete Gruppe Nazis AZ-Besucher_innen auf, die sich auf dem Weg nach Hause befanden. Aachen. Ein Tag vor dem Naziaufmarsch….doch es hätte auch jeder andere Tag sein können.

Der nächste Morgen. Angemeldet waren für den gestrigen Tag verschiede Gegenaktivitäten. In der gesamten Stadt waren Verkehrsbehinderungen von Seiten der Polizei angekündigt, ein Amnesty International Stand in Nähe der Synagoge war verboten worden. Aus dem ‚bürgerlichen’ Spektrum fand eine Demonstration, angemeldet durch DGB statt. Beginnen sollte diese zeitgleich mit der Nazidemonstration um 12 Uhr, jedoch weit, weit weg. 2500 Menschen beteiligten sich an dieser Demonstration, die sich den Nazis explizit nicht in den Weg stellen wollte.

Antifaschistische Gruppen mobilisierten für 10 Uhr zum Hauptbahnhof. Die von der VVN angemeldete Kundgebung am Bahnhofsvorplatz wurde Freitagabend durch die Polizei in eine menschenleere Strasse, direkt neben dem Hbf, verlegt. Und so fanden sich um die 500 Menschen um den mächtig abgesperrten Hauptbahnhof ein, teils auf der VVN Kundgebung, aber auch an anderen strategisch wichtigen (und auch weniger wichtigen) Punkten. Dann gegen 11:25 Uhr: Die ersten Faschos. Unter ihnen Worch, Reitz, Haller, lokale Faschos – unter anderem die, die schon abends in der Stadt an den Überbegriffen beteiligt waren. Es folgten `ne Menge kleinerer Kessel für die Antifaschist_innen, die aber immer wieder aufgelöst wurden. Während der ganzen Zeit bewegten sich Kleingruppen von Antifaschist_innen aber auch Nazis in der Stadt, teils weil sie keinen für sie freien Weg zum Bahnhof fanden, teils Anti-Antifas. Irgendwann dann das Gerücht: Die Nazis dürfen nicht in die Stadt. Sie müssen am Hbf bleiben. Die offizielle Begründung: Der Anmelder des Aufmarsches verweigerte jedes Kooperationsgespräch mit den Cops. Die Gegendemonstrant_innen begaben sich größtenteils in Sichtweite des Hauptbahnhofes, an dem mittags 102 Neonazis eine halbstündige Kundgebung abhielten. So wirklich Mobilisierungspotential scheinen Reitz&Co ja nicht mehr zu haben.
Unsanft wurden die NS-Bewegten schließlich in einen Zug Richtung Hamm gesetzt.
Worch kündigte unterdessen an, baldmöglichst wieder in Aachen einen Aufmarsch zu versuchen.

Wir danken allen Leuten, die sich an den Gegenaktivitäten rund um den Bahnhof beteiligten. Ganz herzlich auch den Angereisten.

Presseschau:
http://klarmann.blogsport.de/2008/11/08/gegenrechts-rund-100-neonazis-blamieren-sich-ueber-2500-demonstranten-halten-dagegen/
http://neu.az-web.de/sixcms/detail.php?template=an_detail&id=710958&_wo=Nachrichten:Topnachrichten
http://neu.az-web.de/sixcms/detail.php?template=an_detail&id=711111&_wo=Lokales:Aachen
http://www.aachener-zeitung.de/sixcms/detail.php?template=az_detail&id=710952&_wo=News:Topnews&_g=Beeindruckende-Demo-gegen-Neonazi-Aufmarsch
http://www.az-web.de/sixcms/detail.php?template=az_detail&id=711528&_wo=Lokales:Aachen
Bildgalerie:
http://neu.az-web.de/bilder/711065#/sixcms/media.php/2395/711335/rrn_demo040.jpg

Pressemitteilung des AK Antifa Aachen

„Die schönsten Nächte überall – sind die Nächte aus Kristall“

Jedes Jahr aufs Neue meldet der Neonazi und Hitlerverehrer Axel Reitz um den neunten November rum, einen Aufmarsch im Rheinland an. Seinem Motto „Gegen einseitige Vergangenheitsbewältigung“ bleibt er dabei treu. Eine der Parolen, die in den letzten Jahren immer wieder auf diesen Demonstrationen zum Jahrestag der Reichspogromnacht zu hören war lautet „Die schönsten Nächte überall – sind die Nächte aus Kristall“.
Nun nähert sich der 70ste Jahrestag der Novemberpogrome. Der Pogrome, welche mit der Verhaftung von über 25.000 Jüdinnen und Juden, von denen mindestens 3.000 in Konzentrationslager deportiert wurden, den Auftakt der Vernichtung des europäischen Judentums markieren. In Aachen will – passend zum Datum – der Holocaustleugner und Antisemit Axel Reitz gemeinsam mit der militanten NS-Szene die Shoa relativieren, die Novemberpogrome befürworten und feiern.
„Wer das nicht zulassen möchte, sollte nicht wegschauen. Wer nicht zulassen will, dass dieser Teil der deutschen Geschichte gefeiert und bejubelt wird, sollte dagegen aufstehen. Wir alle haben eine Verantwortung für das, was wir widerstandslos hinnehmen, für das, was wir an Unrecht in unserem Umfeld geschehen lassen. Wer nicht will, dass Neonazis durch unsere Stadt ziehen um die Shoa zu bejubeln, sollte sie nicht durch die Stadt ziehen lassen, denn genau das werden sie sonst tun“, so Astrit Stern, die Sprecherin des AK Antifa Aachen.

Antifaschistische Gruppen in Aachen rufen dazu auf, sich um 10 Uhr zu einer Kundgebung am Bahnhofsvorplatz einzufinden und dort zu bleiben, um so den Nazis die Anreise – sie wollen sich um 12 Uhr eben dort treffen – zu verunmöglichen.

Dass ziviler Ungehorsam nötig und möglich ist, hat uns nicht erst die erfolgreiche Blockade des Rassistenkongresses in Köln gezeigt. Auch in Herzogenrath blockierten 2002 Bürgerinnen und Bürger den Bahnhof. Die Nazis um Christian Malcoci (der übrigens den Aufruf von Reitz unterstützt) konnten seinerzeit nicht dort aussteigen. Sie versuchten nie wieder in Herzogenrath zu marschieren.
Für Aachen wäre es fatal, ließen wir die Neo-Nazis durch unsere Stadt ziehen. Die erstarkenden Strukturen der extremen Rechten, die sich nicht zuletzt an den zunehmenden Übergriffen der Kameradschaft Aachener Land (KAL) und der AG Rheinland in der Aachener Innenstadt, insbesondere in der Pontstrasse, erkennen lassen, würden durch solch ein Ereignis zweifellos Rückenwind erhalten.
Wenn Nazis es seit über 20Jahren erstmals wieder schaffen durch Aachen zu marschieren, dürfte dies nicht der letzte Aufmarsch gewesen sein. So hat der Kader Christian Worch, Organisator des Aufmarsches bei dem letztes Jahr 800 militante Neonazis durch Stolberg zogen, bereits angekündigt ebenfalls in Aachen demonstrieren zu wollen. Die Reitz-Demo dürfe daher für die Neonazis einen Testcharakter für die gesamte Region besitzen. Und gerade auch in Hinblick auf Stolberg ist der Aufmarsch der extremen Rechten oder seine Verhinderung wegweisend.

Der AK Antifa Aachen ruft deshalb dazu auf, am 08.11.2008 sich um 10 Uhr am Aachener Hauptbahnhof einzufinden und solange zu bleiben, bis die Anreise der Nazis gescheitert ist.